Rheinpfeil Tragflügelboot
Das Tragflügelboot „Rheinpfeil“ war eines der ungewöhnlichsten Fahrgastschiffe in der Geschichte der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt (KD). Von 1972 bis 1997 verband es moderne sowjetische Tragflügeltechnik mit dem klassischen Rhein-Ausflugsverkehr.
Ein ungewöhnliches Kapitel der KD
Die Geschichte begann eigentlich schon 1934. Die Köln-Düsseldorfer unterstützte damals den Ingenieur Hanns von Schertel, der Tragflügelboote für den Personenverkehr entwickelte. Sein Versuchsboot „Silbervogel“ absolvierte sogar eine erfolgreiche Demonstrationsfahrt von Wiesbaden nach Köln und zurück. Der Zweite Weltkrieg beendete diese Entwicklung zunächst.
Erst Anfang der 1970er Jahre griff die KD die Idee wieder auf. Am 17. Dezember 1971 bestellte sie bei der sowjetischen Außenhandelsorganisation Sudoimport ein Tragflügelboot des Typs „Raketa“. Gebaut wurde es auf der Werft Feodossija auf der Krim.
Das Schiff erhielt bei der KD den Namen „Rheinpfeil“.
Von der Sowjetunion an den Rhein
Der Transport nach Deutschland war selbst ein kleines logistisches Abenteuer. Das fertig gebaute Boot wurde per Schiff nach Rotterdam gebracht. Am 23. März 1972 setzte man es dort auf den Schubleichter Braunkohle 52. Zusammen mit dem Schubboot Braunkohle 1 ging es anschließend rheinaufwärts nach Köln in den Niehler Hafen. Dort wurde es für seinen Einsatz bei der KD vorbereitet und lackiert.
Am 8. April 1972 erfolgte die erste Wasserung. Nach Probefahrten und der Abnahme durch die Schiffsuntersuchungskommission wurde das Boot am 18. Mai 1972 in Bonn offiziell der Presse vorgestellt.
Am 24. Mai 1972 begann schließlich der reguläre Fahrgastbetrieb.
Ein „fliegendes“ Schiff
Die technischen Daten waren für ein Rheinschiff dieser Zeit beeindruckend:
| Merkmal | Rheinpfeil |
|---|---|
| Baujahr | 1972 |
| Bauwerft | Feodossija, Krim |
| Typ | Raketa |
| Länge | 26,96 m |
| Breite | 5,00 m |
| Tiefgang liegend | 1,80 m |
| Tiefgang in Fahrt | ca. 1,10 m |
| Motor | V12-Diesel |
| Leistung | 1.010 PS |
| Höchstgeschwindigkeit | ca. 65 km/h |
| Passagiere | 64 |
| Besatzung | 4 |
Das Besondere waren die Tragflügel unter dem Bug und Heck. Bei zunehmender Geschwindigkeit erzeugten sie Auftrieb. Ab ungefähr 25–35 km/h hob sich der eigentliche Schiffsrumpf zunehmend aus dem Wasser. Bei voller Fahrt „flog“ die Rheinpfeil praktisch über den Rhein. Die KD gibt eine Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h an. Das Prinzip lässt sich gut mit einem Flugzeug vergleichen: Statt dass der Rumpf auf dem Wasser gleitet, tragen die Unterwasserflügel das Fahrzeug. Dadurch verringerte sich der Wasserwiderstand erheblich.
Der Einsatz auf dem Rhein
Zunächst fuhr die Rheinpfeil dreimal täglich zwischen Köln und Koblenz. Schon bald wurde der Einsatzbereich erweitert:
- 1973: bis Boppard
- 1975: rheinabwärts bis Düsseldorf
- 1976: Verlängerung bis Mainz
- ab 1983: hauptsächlich Köln–Mainz–Köln
Damit war die Rheinpfeil zeitweise auch zwischen Düsseldorf und Mainz unterwegs – ein wichtiger Grund, weshalb sie gerade im Düsseldorfer Raum vielen Menschen als außergewöhnliches KD-Schiff in Erinnerung geblieben ist. Die Fahrt war allerdings nicht mit einer gewöhnlichen KD-Ausflugsfahrt vergleichbar. Die 64 Passagiere saßen auf Einzelsitzen ähnlich wie in einem Flugzeug. Wegen des begrenzten Platzes gab es keine reguläre Küche; lediglich eine kleine Servicebar war vorhanden. Für die Fahrt war eine vorherige Anmeldung erforderlich, außerdem wurde ein Zuschlag erhoben.
Schnell – aber laut und technisch anspruchsvoll
Die Rheinpfeil war zwar spektakulär, hatte aber einen erheblichen Nachteil: ihre Maschine war sehr störanfällig. Der sowjetische V12-Dieselmotor entwickelte 1.010 PS und war technisch anspruchsvoll. Bereits 1973 musste die Maschine erstmals ausgetauscht werden. Im Laufe ihrer KD-Zeit wurden insgesamt 13 Austauschmotoren benötigt.
Auch für die Passagiere war die Fahrt nicht unbedingt komfortabel. Bei Wellengang konnten insbesondere im vorderen Bereich deutliche Schläge auftreten. Hinzu kam der hohe Geräuschpegel des Motors. Trotzdem wurde das Schiff wegen seines ungewöhnlichen Fahrerlebnisses sehr beliebt und war zeitweise stark nachgefragt.
Interessant ist auch, dass die schnellen Vorbeifahrten bei Berufsschiffern nicht unbedingt Begeisterung auslösten – insbesondere auf dem kurvenreichen Mittelrhein.

Das Ende der Rheinpfeil
Nach rund 25 Jahren Einsatz war nicht nur die Maschinenanlage, sondern auch der Schiffskörper zunehmend sanierungsbedürftig. Ende 1995 bestellte die KD deshalb ein moderneres Tragflügelboot des Typs Polesye, das die Rheinpfeil ersetzen sollte.
Die letzte planmäßige Fahrt der Rheinpfeil fand am 20. Oktober 1996 statt. Da sich das Nachfolgeschiff Rheinjet verzögerte, kam die Rheinpfeil allerdings noch einmal vorübergehend zum Einsatz. 1997 endete ihre Zeit bei der KD endgültig.
Was wurde aus ihr?
Anders als viele historische KD-Schiffe wurde die Rheinpfeil nicht verschrottet. Sie gelangte in die Niederlande und wechselte mehrfach den Besitzer. Zunächst war eine Nutzung als Partyschiff vorgesehen. Schließlich wurde sie zu einem Hausboot umgebaut.
Seit 2008 trägt das ehemalige KD-Schiff den Namen „Raketa 72“. Damit existiert das ungewöhnliche Fahrzeug – wenn auch völlig anders genutzt als ursprünglich vorgesehen – bis heute weiter.
Eine bemerkenswerte deutsch-sowjetische Verbindung
Die Rheinpfeil ist auch historisch interessant: Sie war ein sowjetisches Hightech-Fahrzeug im Linienverkehr einer westdeutschen Reederei – und das ausgerechnet während des Kalten Krieges. Die KD bestellte ein sowjetisches Serienfahrzeug, das auf der Krim gebaut wurde, über Rotterdam nach Köln gelangte und anschließend jahrzehntelang auf dem Rhein zwischen Düsseldorf, Köln, Koblenz und Mainz eingesetzt wurde.
Die KD selbst bezeichnet die Rheinpfeil heute als Raketa-Tragflügelboot mit 65 km/h Höchstgeschwindigkeit. Damit gehört die Rheinpfeil zu den wohl spektakulärsten Fahrzeugen, die jemals regulär im deutschen Rhein-Personenverkehr eingesetzt wurden.
Rheinpfeil im TV
MS Franziska und das Tragflügelboot stehen in direktem Zusammenhang mit der bekannten deutschen Fernsehserie „MS Franziska“ aus dem Jahr 1977, die das Leben auf dem Rhein porträtiert.
In dieser Miniserie geht es um die klassische Binnenschifffahrt. Als moderner, technischer Kontrast zu dem alten Partikulierschiff Franziska taucht in den Episoden auch das damals spektakuläre Tragflügelboot „Rheinpfeil“ der Köln-Düsseldorfer (KD) Rheinschifffahrt auf.
Während die Familie Wilde in der Serie mit ihrem veralteten Gütermotorschiff um die wirtschaftliche Existenz kämpft, symbolisierte das Tragflügelboot „Rheinpfeil“ das schnelle, futuristische Zeitalter der modernen Personenschifffahrt auf dem Rhein, bei dem sich der Schiffsrumpf bei hoher Geschwindigkeit vollständig aus dem Wasser hob.
Titelbild (restauriert mit ChatGPT): Friladerivative work: Dha (talk) – Rheinpfeil.jpg, CC BY-SA 3.0
Quellen (mit KI zusammengefasst): Wikipedia | Köln-Düsseldorfer | The Duesseldorfer (Magazin und Webseite eingestellt) | Weitere Bilder
