GerresheimRegionale Geschichte

Denkmal des Monats Februar 2026: 1.000 Jahren Leben in Gerresheim

Das Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege im Bauaufsichtsamt stößt auf großes öffentliches Interesse an den sichtbaren und verborgenen Bauwerken und Orten, die von der bewegten Vergangenheit Düsseldorfs zeugen. Vor diesem Hintergrund stellt die städtische Denkmalbehörde monatlich ein ausgewähltes Stück gebauten Erbes als “Düsseldorfs Denkmal des Monats” vor. Der zweite Beitrag der neuen Reihe widmet sich Spuren und Relikten aus über 1.000 Jahren Siedlungsgeschichte in Gerresheim.

Archäologische Ausgrabungen in historischen Ortskernen ermöglichen wertvolle Einblicke in Alltag, Handwerk und Infrastruktur vergangener Zeiten. Dies gilt auch für eine kürzlich abgeschlossene Untersuchung im historischen Ortskern von Gerresheim. Dabei konnten zahlreiche Befunde einer über 1.000 Jahre währenden Siedlungskontinuität freigelegt werden.

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Die Untersuchung erfolgte im Vorfeld eines geplanten Bauprojektes im Rahmen des Baugenehmigungsverfahren nach dem Denkmalschutzgesetz. Obwohl die Gesamtauswertung der Grabung noch andauert, stellt die Stadtarchäologie des Instituts für Denkmalschutz und Denkmalpflege bereits erste bemerkenswerte Ergebnisse vor.

Gerresheim tritt mit der urkundlich überlieferten Gründung eines Frauenstiftes im Jahr 870 in die Geschichte ein und gehört damit zu den ältesten Stadtteilen Düsseldorfs. Auf dem rund 1.100 Quadratmeter großen Grundstück Kölner Tor 30/32 und Am Wallgraben 16 – im historischen Ortskern und unmittelbar an die ehemalige mittelalterliche Stadtbefestigung angrenzend – entstehen künftig zwei Mehrfamilienhäuser, vier Stadthäuser und eine Tiefgarage.

Zuvor wurden zwei Wohnhäuser einschließlich ihrer Kellergeschosse abgebrochen. Für die Neubauten war ein großflächiger Bodenaushub bis zu vier Meter unter Geländeoberkante erforderlich. Aufgrund dieser tiefgreifenden Eingriffe war ein hohes archäologisches Befundpotential zu erwarten. Zur Sicherung der Funde und ihrer für Datierung und Interpretation entscheidenden Kontexte wurde das Baufeld daher vorab durch eine archäologische Fachfirma untersucht.

Denkmal des Monats Februar 2026: 1.000 Jahren Leben in Gerresheim - Landeshauptstadt Düsseldorf/Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege
Diverse Münzen belegen die kontinuierliche Nutzung des Geländes während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Der fränkische Ohr- oder Schläfenring gehörte zur frühmittelalterlichen Frauentracht.

Ein Haus am Rand der Stadt
Der älteste Befund umfasst Mauern und Fundamente eines frühmittelalterlichen Gebäudes aus Kalktuff mit einer ausgewiesenen Ausdehnung von 4,60 Metern in Nord-Süd- und 4,40 Metern in Ost-West-Richtung. Der Innenraum besaß einen Stampflehmboden, auf dem mehrere Schieferplatten lagen.

In der Baugrube des Gebäudes wurde ein etwa zwei Zentimeter großer Ohr- oder Schläfenring aus Bronze entdeckt. Dieser Fund bestätigt die durch naturwissenschaftliche Analyse einer Mörtelprobe angenommene Datierung des Hausbaus in das ausgehende 10. Jahrhundert.

Das Ergebnis überrascht, da Steinhäuser in Gerresheim bislang erst ab dem 13. Jahrhundert urkundlich belegt waren. Keramikfragmente aus dem Gebäudeinneren deuten zudem auf eine relativ lange Nutzung bis ins 13. Jahrhundert hin.

Die Untersuchung der Kellerräume der späteren Bestandsgebäude ergab, dass deren Vorgängerbebauung bis ins hochmittelalterliche 11. Jahrhundert zurückreicht und somit zumindest teilweise zeitgleich mit dem beschriebenen Wohnhaus bestand. Freigelegtes Mauerwerk aus Schiefer, Kalktuff und Quarzit sowie Keramikfunde belegen darüber hinaus mehrere Um- und Ausbauphasen vom 14. Jahrhundert bis in die Neuzeit.

Die laufende Auswertung soll klären, ob die Räume ursprünglich als Keller dienten oder im Mittelalter ebenerdig zugänglich waren und damit möglicherweise weitere Wohngebäude darstellten.

Brunnen der Zeit
Brunnen liefern wichtige Erkenntnisse zur Infrastruktur und zum Ressourcenmanagement historischer Siedlungen. Auf dem vergleichsweise kleinen Baufeld wurden insgesamt sechs Brunnen entdeckt — eine bemerkenswerte Anzahl.

Zwei Ziegelbrunnen aus dem 19. Jahrhundert stellen die jüngsten Befunde dar. Die übrigen Anlagen datieren vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit. Die Brunnenkränze bestanden aus unregelmäßigen Bruchsteinen, die in Mörtel rund aufgemauert wurden. Die Schächte wiesen unterschiedliche Holzkonstruktionen auf, darunter fassähnliche Verschalungen mit umlaufendem Seil aus Pflanzenfasern oder ausgehöhlte Baumstämme.

Die weiteren Untersuchungen versprechen Erkenntnisse zur lokalen Geologie, zu den genutzten Wasserquellen sowie zu technologischen Entwicklungen. Zudem soll geklärt werden, in welchem funktionalen Zusammenhang die Brunnen mit den nachgewiesenen Gebäuden standen.

Rheinischer Exportschlager
Aus einem der Brunnen wurde ein nahezu vollständig erhaltener sogenannter “Bartmannkrug” geborgen, bei dem lediglich der Henkel fehlt. Diese bauchigen Steinzeuggefäße wurden zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert vor allem in Frechener und Kölner Töpfereien hergestellt. Die eigentlich dazugehörenden meist aus Zinn bestehenden Deckel sind sehr selten aus einem archäologischen Kontext bekannt, da das wertvolle Metall in der Regel vor der Entsorgung der Krüge entfernt und wiederverwendet wurde. Bartmannkrüge waren sowohl regional als auch international weit verbreitet. Besonders aus England und den Niederlanden sind zahlreiche Funde bekannt, aber auch in die USA oder nach Australien wurden sie exportiert, was neben Handelsunterlagen aus den Töpfereien auch Schiffswracks mit entsprechender Ladung vor den jeweiligen Küsten belegen.

Auch in Düsseldorf wurden bereits mehrere Exemplare entdeckt, vollständig erhaltene Stücke sind jedoch selten. Anhand ihrer optischen Merkmale liefern sie aufgrund von Vergleichsfunden im archäologischen Kontext wichtige Anhaltspunkte für die Datierung.

Spannende Perspektiven
Die umfassende wissenschaftliche Auswertung der Grabung wird die Forschung und die Bodendenkmalpflege noch über längere Zeit beschäftigen. Die bisherigen Ergebnisse lassen bereits jetzt neue Erkenntnisse zur historischen Entwicklung Gerresheims erwarten.

Titelbild: Landeshauptstadt Düsseldorf/Institut für Denkmalschutz und Denkmalpflege: Jacobskanne (r.); Freigelegter Brunnen im Baufeld (l.)

Quelle: Stadt Düsseldorf